Mehrsprachigkeit und Gemeinsamer Europäischer Referenzrahmen

Wie hängt das Sprachenportfolio mit dem Gemeinsamen Europäischen Referenzrahmen zusammen und wie trägt es zur Förderung der Mehrsprachigkeit bei?

Das Sprachenportfolio ist eine Anwendung des Gemeinsamen Europäischen Referenzrahmens (GER). Der GER wurde von internationalen Expertinnen und Experten im Auftrag des Europarats entwickelt und gehört heute zu den einflussreichsten Dokumenten im Bereich des Sprachenunterrichts in Europa. Der GER beschreibt, was die Menschen lernen müssen, um mit einer oder mehreren Sprachen in einem bestimmten kulturellen Kontext kommunikativ handeln zu können. Er definiert Kompetenzniveaus (A1–C2), die es ermöglichen, Kompetenzen zu beurteilen und den Lernfortschritt zu messen. Der GER wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt und bietet eine für ganz Europa gültige Grundlage für die Ausarbeitung von Lehrplänen, Sprachprüfungen, Lehrwerken usw. Er leistet damit einen Beitrag zur europaweiten Koordination des Sprachenlernens und -lehrens.

Eines der wichtigsten Ziele des GER ist es, die Mehrsprachigkeit und die Interkulturalität der Bürgerinnen und Bürger Europas zu fördern. Dies ist auch ein vordringliches Anliegen des Europäischen Sprachenportfolios. Die mehrsprachige und mehrkulturelle Kompetenz wird im Gemeinsamen Europäischen Referenzrahmen definiert als

«die Fähigkeit, Sprachen zum Zweck der Kommunikation zu benutzen und sich an interkultureller Interaktion zu beteiligen, wobei ein Mensch als gesellschaftlich Handelnder verstanden wird, der über – graduell unterschiedliche – Kompetenzen in mehreren Sprachen und über Erfahrungen mit mehreren Kulturen verfügt. Dies wird allerdings nicht als Schichtung oder als ein Nebeneinander von getrennten Kompetenzen verstanden, sondern vielmehr als eine komplexe oder sogar gemischte Kompetenz, auf die der Benutzer zurückgreifen kann.» Gemeinsamer Europäischer Referenzrahmen, Kapitel 8.1.

Diese Charakterisierung der sprachlichen und kulturellen Kompetenz beruht auf der Vorstellung, dass die Lernenden über ein sprachenübergreifendes Repertoire an Ressourcen verfügen, welche aufeinander aufbauen. Beispielsweise kann man Wörter zwischen verwandten Sprachen übertragen und man muss Lesefertigkeiten oder Kommunikationsstrategien nicht in jeder Sprache getrennt entwickeln. Gute Sprachenlernende lenken ihr Augenmerk auf Bekanntes, Übertragbares zwischen sämtlichen Sprachen, die sie können –  inklusive ihrer Erst- oder Muttersprache. Eine solche Sichtweise lässt alles bereits Gelernte als wertvolle Ressource erscheinen.

 Aber nicht nur das bereits Bekannte und Gleiche, sondern auch das Fremde und Unterschiedliche verdient Aufmerksamkeit: Jede Sprache und Kultur hat auch ihre Eigenheiten. Das bewusste Umgehen mit kulturellen Unterschieden und Wertesystemen spielt in der Begegnung mit Menschen anderer Kulturen eine wichtige Rolle.

Der GER möchte beiden Gesichtspunkten gerecht werden und das ESP wurde entwickelt, um das mehrsprachige und mehrkulturelle Repertoire jedes einzelnen Lernenden zu fördern. Als pädagogisches Instrument steht es am Schnittpunkt zwischen Individuum, Unterricht und Bildungssystem.